Ferien in Schweden
Die Reisebekanntschaft
Sie fuhr nach Kiel
und ich nach Schweden..
Ich wünschte mir ein Spiel,
da fing sie an zu reden.
Ihr Mund war kleinund süß,
sie konnte ihn nicht halten.
„Noch gestern Morgen ließ
man mich nen Brustkorb spalten.
Man schlägt ihn auf,
so wie man Muscheln spreitet.
und folgt der Adern Lauf
vom Punkt, der Blut verbreitet.
Und äußerst intressant
sind auch die Eingeweide.
Als tauchte man die Hand
in purpurnes Geschmeide..“
Da brach's aus mir: „Das Herz
der Lebenden, das langweilt Sie?“
Sie blickte deckenwärts:
„Na hören Sie: Wer heilt denn die?“
„Natürlich Sie, nur Sie!“
Ich lag fast auf den Knien.
Sie seufzte: „Ach, der Chirurgie
gäb ich mich gerne hin.“
Hier war nichts mehr zu wolln.
Im Zug wurd's kalt und schummrig,
dumpf klang das Räderrolln.
Ich schlug den Mantel um mich.
Sie war so rasend jung,
schön wie vom Himmelsreiche,
und hatte zur Erinnerung
auf ihrem Schoß ne Leiche.
Das Pilzgericht
Der schwedische Rundfunk berichtet:
Pilze sammeln sei nicht schwer,
doch habe man Deutsche gesichtet,
die pflückten Pilze mit dem Gewehr.
Wir waren‘s nicht, ich schwör es, nein.
Obwohl wird Waldpilze aßen.
Doch nach dem Essen fiel uns was ein.
Sogleich wir ein Pilzbuch lasen.
Dem Nachbarn gaben wir Bescheid:
wenn wir die Lampe schwenken,
dann wird es allerhöchste Zeit,
an eine Hilfe zu denken.
Die Fichten stehen düster still
und alles scheint zu lauschen.
Uns keine Mücke stechen will.
Wer will schon an Gift sich berauschen?
Wir huschen zart aneinander vorbei,
wir lächeln und plaudern tapfer
vom Wetter, von Deutschland, ja wir zwei
sind prächtige Unsinnverzapfer.
Und dann... O Gott! Das Kind! Wie blass!
Ihm zittern schon die Hände!
Doch sind bloß seine Hosen nass.
Und wir mit den Nerven am Ende.
Ob wir noch leben, weiß ich nicht.
Die Bauern, die was verstanden,
die sagten uns, ein Pilzgericht
kocht man nur reichen Erbtanten.
Nächtlicher Besuch
Wir wollten grad zu Bette gehn,
wie Mann und Frau es recht verstehn,
und im Kamin die Fichtenscheite,
die drehten sich auf unsre Seite:
Nichts Schöneres gibt es zu sehn,
wenn Mann und Frau zu Bette gehn!
Sie zündete drei Kerzen an.
„Das macht dich schön, mein lieber Mann!“
Da hörten wir holzschwere Schritte
sich nähern unsrer kleinen Hütte.
Rasch zogen wir uns wieder an.
Kommt da ein Riese durch den Tann?
Es waren Freunde, zweifellos,
und gut gebaut und wirklich groß.
(Sonst schwangen sie die Maurerkelle).
Sie lobten unsre Feuerstelle.
Sie sprachen viel aus voller Kehl,
wir saßen still wie auf Befehl.
Nach einer Stunde fiel mir ein:
Mensch, gähne, ächze bis zum Stein-
und Besucherweichen.
Am Ende half ein andres Zeichen:
"Hier seht, mein eingeschlafnes Bein!"
Da endlich ließ man uns allein.
Den Schlüssel schnell ins Türschloss drehn!
Komm, Schatz, lass uns zu Bette gehn.
Schau, im Kamin erwacht das Feuer,
auch das freut sich schon ungeheuer.
So Schönes gibt es hier zu sehn,
wo Mann und Frau zu Bette gehn.
Die Odensjö-Saga
Einige Zeit lebte ich in Odensjö/Småland bei einer schwedischen Familie in dem hier abgebildeten Strandhem. Auf der Rückseite kann man durch die Fenster den Bolmen sehen. Heute vermietet die Familie Zimmer an Sommergäste, außerdem gibt es zwei Holzhütten, die sind wie aus der alten Zeit und eigentlich nur für Leute geeignet, die einen Abenteuer-Urlaub machen wollen. Wer sich näher informieren will, hier die entsprechende Website:
Ich hatte mich gerade eingelebt, da verriet mir mein Freund Gunnar, beim Nachbarn befände sich Odins Grab. Der Nachbar, das war der alte Oskar, ein ehemaliger Bootsbauer. Das Grundstück mit seiner Hütte war in Sichtweite vom Strandhem. Das rote Holzhäuschen stand auf einem kleinen Hügel mit Fichten und Fliederbüschen. Um das Häuschen waren Feldsteine in der Form eines Schiffes gelegt, dessen Bug auf die etwa 200m entfernte weiße Dorfkirche zielte, als wolle das Schiff sie angreifen. Über dem Hütteneingang hing ein Brett mit weißer, krakeliger Schrift: „Odins Borg“. Dass Oskar oft auf den Steinstufen vor der Hütte saß und die Kirche nicht aus den Augen ließ, lag sicher daran, dass dem fremden Gott da drüben nicht zu trauen war.
Aber jetzt zur Story. Die geht so. Vor ungefähr zehntausend Jahren – es können auch ein paar mehr sein – jedenfalls zur Zeit der Riesen und Götter, gab es hier nichts anderes als Wald, Wiesen und nochmals Wald. Nirgendwo war ein See, überall nur schöner trockener Boden, ja, es hieß, der Himmel lege hier seinen Regen bloß zum Trocknen hin. Odin, der Göttervater, liebte den Ort, aber besonders liebte er eine Menschenfrau mit goldenem Haar, sommersprossigem Gesicht
und blauen Augen. Sie hieß „Heidlund, die mit den großen“ Augen und war die Tochter eines Kleinbauern. Den Beinamen hatte sie aus einem simplen Grund, von dem man damals aufgrund medizinischer Rückständigkeit nichts wissen konnte. Kam nämlich jemand zu Besuch, riss sie die Augen auf, nicht aus Begeisterung oder Freude, sie konnte einfach wegen ihrer Kurzsichtigkeit nicht erkennen, wer da in die Kate trat.
Eines Tages, als der Göttervater mal wieder in Menschengestalt auf Wanderschaft war, beschloss er, auch Heidlund aufzusuchen. Als er in die dämmrige Stube trat, wurden Heidlunds Augen groß, was ihn sofort entzückte. Unglücklicherweise hielt sie Odins Mantel für ein Frauenkleid. Als er ihre Taille umschlang, schrie sie auf und wehrte sich, worauf ihr Vater hereinstürmte und den Eindringling mit seinem Schwert aus der Kate jagte. (Er war Wikinger, versteht sich.)
Odin jedoch gab nicht auf, ganz im Gegenteil, Heidlund erschien ihm reizvoller denn je. Offensichtlich handelte es sich bei ihr um eine streng behütete und äußerst empfindliche Jungfrau.
Er überlegte, wie er sie berühren konnte, ohne sie anzufassen. Und wie immer hatte er gleich eine Idee. Er verwandelte sich in Rauch. Qualmt im Wald ein Holzstück, ist das nicht
ungefährlich. Qualmt aber ein Gott, na, dann gibt man am besten gleich Katatrophenalarm. Und das tat Heidlunds Vater. Beim Anblick der Rauchwolke stieß er ins Horn, um den Riesen Hergrim herbeizurufen, die damalige freiwillige Feuerwehr. Hergrim eilte herbei, machte einen Schritt und platsch... ausgequalmt war's! Odin, vor Schmerz oder Wut, wer weiß es, brach in Tränen aus. Und wenn ein Gott weint..
Jedenfalls füllte sich der Abdruck des Riesenfußes sofort mit Wasser. So entstand der Bolmen, er ist 40 km lang (nun rechne mal aus, wie groß der Riese war). Und warum heißt der See so?
Nun, wer ein wenig Schwedisch kann, weiß, dass „qualmen“ auf Schwedisch „bolma“ heißt. Wo der kleine Zeh sich in den Boden gedrückt hatte, entstand eine Bucht, dort siedelten sich Bauern an. Als die Provinzverwaltung dahinter kam, dass es etwas mehr als viereinhalb Häuser waren, erklärte sie die Siedlung zum Dorf, und die Dörfler nannten es „Odinsjö“. Worauf die lutheranische Kirche auf heftigste Einspruch erhob: es könne nicht sein, dass in einem Dorfnamen der Name eines heidnischen Gottes verewigt werde. Da Småländer nicht auf den Kopf gefallen sind, vertauschten sie das i gegen ein e. Und so heißt der Ort heute „Odensjö“.
Dass der Göttervater in Odensjö begraben werden wollte, hatte nach Oskars Meinung einen ganz natürlichen Grund: Weil er hier das schönste Weib der Welt gesehen hatte. Und dann zeigte er mir sein Grab. Unter einem Fliederbusch waren drei übereinander geworfene Findlinge, es sah aus, als sei nichts Besonderes daran.
Aber, so sagte Oskar, das wollte Odin so, nur kein Aufsehen, denn Odin – falls du es noch nicht wissen solltest – ist ein echter Schwede gewesen.
Zur Lage in Deutschland
Wie ein Deutscher sich erst schämte
und dann glücklich wurde
Ich sah ein Pärchen an einer Bushaltestelle. Eine Frau kam vorbei, warf einen verächtlichen Blick auf den dunkelhäutigen Mann, spuckte das Mädchen an
und ging weiter.
Das Mädchen wischte sich die Spucke aus dem Gesicht und sagte ihrem erschrockenen Freund: „Eine reinrassige Deutsche“.
Ich wollte mich für die Frau entschuldigen, aber da kam der Bus und die beiden stiegen ein.
Ich schämte mich für das, was passiert war. Nachts konnte ich nicht einschlafen, mich plagte die Frage, ob ich ein reinrassiger Deutscher sei? Plötzlich stand
an meinem Bett eine weiß verhüllte Gestalt und eine weibliche Stimme sagte: „Komm, ich zeig dir was!“
Und wir flogen in den hohen Norden. Bei einen Holzfäller stoppten wir, sie fragte ihn, für wen er mich halte. Mit einem flüchtigen Blick zu mir sagte er, Südländer
könne er nicht gebrauchen, die fänden alles lustig und statt den Mund zu halten wie es sich gehört, zögen sie lärmend durch den Wald.
Das war wohl der Grund, warum wir in der Toscana landeten und eine Bäuerin fragten. Ja, sie kenne mich. Meine Größe gefiele ihr, ich sei aber ein Spaßverderber, ein mürrischer
ich sei aber ein Spaßverderber, ein mürrischer
Kerl, wenn auch tüchtig und fleißig, eben ein Nordländer.
Im nächsten Augen blick waren wir in Russland, versperrten einem Mütterchen den Weg. Sie schimpfte gleich los, mit einem verweichlichten Westler wolle sie
nichts zu tun haben. Ich ging ja lieber ins Bolschoi-Ballett statt zu einem Boxkampf und könne nicht mal Wodka richtig saufen. „Hau ab nach deinem Frankreich!“ sagte sie noch.
Wir gehorchten und befragten eine jungen Pariserin, die gerade ihren Blumenladen aufmachte. Na klar, sie kenne mich gut. Wie ein Bär stürme ich jeden Samstag in
ihren Laden und mit einem Arm voller Rosen ging
ich singend raus. Wahrscheinlich sei ich nie ganz nüchtern, bestimmt hätte ich russische Vorfahren...
Und dann lag ich wieder in meinem Bett, und die Gestalt sagte: „Siehst du, das bist du alles“
„Ich lach mich tot“, knurrte ich. Und hoffte, der Alptraum wäre zu Ende
Da fiel ihr Schleier und ich sah ihr Gesicht, es hatte ein Grübchen in der linken Wange, es erinnerte mich an meine Mutter, sie sagte: „Ich bin Germania,
deine Mutter. Und du, kapier es endlich, du bist das Kind vieler Väter.“
Ich fuhr hoch.
„Beruhig dich!“ Sie drückte mich nieder.und breitete auf meinem Bett eine Europakarte aus. „Da, sieh hin, inmitten von Europa ist mein und dein Zuhause. Wer von Ost
nach West will oder von West nach Ost oder von Nord nach Süd oder von Süd nach Nord, der muss mit mir Bekanntschaft machen. Das ist seit 5000 Jahren so.Und jetzt tu nicht so
moralisch, du hast Eigenschaften von vielen Vätern, das ist ein Schatz, nutze ihn und jammere nicht!“ Sie hauchte mir einen Kuss auf die Stirn und ich schlief ein.
Zum Frühstück aß ich ein Baguette mit schwedischer Blaubeermarmelade. Dann setzte ich mich mit einem Glas Rotwein in den Garten und las einen Roman von Michail
Bulgakow: Der Meister und Margarita.
Ich war glücklich.
Das längere Leben der Reichen
Spiegel online vom 3.5.2024:
Untersuchung des Robert Koch-Instituts:
Arme sterben im Schnitt früher als Reiche – und die
Kluft wächst.
Menschen mit wenig Geld haben in der Re-gel eine geringere Lebenserwartung als Gutverdiener.
Allgemein sei die Le-benserwartung zwi-schen 2003 und 2019 im Durchschnitt leicht gestiegen. Bei Men-schen aus ärmeren Wohngegenden allerdings stagnierte die Entwicklung, oder die Lebenserwartung stieg langsamer.
Dieser Text fiel mir ein, als ich durch Grunewald spazierte, den beliebten Wohnort reicher Berliner. Kein Verkehr, keine Straßen mit vollgeparkten Autos. Überall
herrliches Grün. Nicht die geringste Feinstaubbelastung. Und diese Stille! Schon nach einer halben Stunde fühlte ich mich so erholt, dass ich jetzt bestimmt ein paar Tage länger leben
werde.
Und so habe ich für die weniger Betuchten unter uns einen Vorschlag: Nehmt einen Klappstuhl und marschiert in die Wohnviertel der Reichen und lasst euch dort für
ein paar Stunden nieder. Damit man euch nicht entfernen kann, kettet euch an die Gartenzäune der Villen, sie sind besonders stabil. Und je länger ihr es schafft, dort zu bleiben, umso mehr
verlängert ihr euer Leben.
Bleibt ein Haken. Die Fahrt zum Wohnsitz der Reichen werdet ihr euch nicht leisten können. Mein Vorschlag: Fahrt zu tausenden schwarz
Mehr zum Thema „Arm und Reich“ im Theaterstück „Ein gut bezahltes Sterben“
Aus dem Inhalt
Bei der Aufklärung eines Mordes rätselt der Kommissar: Ist es Magie oder Gentechnik?
Ein Mann ist süchtig nach der virtuellen Welt. Sex bringt ihn in die Wirklichkeit zurück.
Ein Mann gerät aus einer Psychose in den Größenwahn.
Ein Dorf schrumpft, weil ein Professor mit Gott Kontakt aufnehmen will.
u.a.
Verse auf der Kachelwand
Die Rede des Propheten
Den Hunger unter meinen Braun
still ich mit Sternenfutter,
und meine Schuhabsätze haun
die Milchstraße zu Butter.
Ich such das Buch, was uns betrifft,
ich will die Zukunft lesen.
Und finde es in Laserschrift
auf einem goldnen Tresen.
Nun lies, mein Freund, die Stimme spricht,
und nipp auch an dem Branntwein,
dann siehst du es im guten Licht,
es geht um euer Dasein.
Der Mittelpunkt ist abgeschafft,
kein Oben mehr, kein Unten.
Aus irdischer Gefangenschaft
habt ihr euch selbst entbunden.
Maschinen nehmen freundlich ab
die Mühen eurer Hände.
Wo es mal Tod und Krankheit gab,
schafft Forschung eine Wende.
Zur Schöpferkraft verwandelt ihr
den Fieber eures Schlafes.
Befriedigt ist auch eure Gier.
Ihr zieltet lang, dann traf es.
Und doch bleibt ihr im Sternenlauf
für alle Zeit gebunden.
Ihr seid, geht es auch hoch hinauf,
im Kosmos nur ein Funken.
Dann las ich noch des Buches Schluss,
den will ich nicht berichten.
Sonst meckert ihr, der redet Stuss
mit seinen Märchengeschichten.
Ein Hoch auf das Wissen!
Raunt da wer im Internet:
Weil ein Flugzeug Strahlen schickt,
legt euch besser unters Bett,
denn die Strahlung macht verrückt.
Und so tun es viele,
hören den Gerüchten zu,
folgen dem Gefühle,
spielen täglich Blinde Kuh.
Als wär's ein Leben
wie im Kindesalter.
Manche Kerzen brauchen eben
einen Kerzenhalter.
Sie glauben, in ihr Zimmer
bricht das Wissen
wie Feuer ein.
Doch zeigt ein roter Schimmer
in Finsternissen
nur ersten Sonnenschein.
Dies ist unsere Zeit:
Tausend Jahre
in Angst und Dunkelheit
erledigt ein Streich:
Das Wissen setzt klare
handfeste Ware
gegen Gebete zum Himmelreich.
Ich dank dir, Leben, dass ich
den Aufschwung
mitschwing.
Es ist spaßig,
Leute!
Spürt nur den Sprung
von jedem Ding
zum Bau am neuen Weltgebäude!
Gott und die Menschen
Der Sterne Glitzern ist wie Reif,
klebt ihm am Bart wie Grütze,
und seine Hände, dürr und steif,
sind, scheint's, zu nichts mehr nütze.
Wie hatte er sich abgemüht,
uns eine Welt zu bauen.
Und merkte nicht, was da geschieht:
wir fingen an zu klauen.
Er ließ sich auf ein Bündnis ein,
wir brachen die Gesetze
und, verführt wie er zu sein,
verschleudern wir die Schätze.
Es kommt der Tag, dann werden wir
tief in das Weltall spähen
und sehen eine offne Tür,
die führt zu goldnen Sälen..
Und drinnen ist ein Tisch gedeckt,
Gott sitzt dort mit den Tieren.
Man sieht, wie es den Gästen schmeckt,
uns lässt man draußen frieren.
Doch Gott ist gnädig und er spricht:
"Kommt rein, seid meine Gäste.
Und bitte sehr, geniert euch nicht,
für euch gibt es die Reste."
Sonja und ihr Roboter
In dieser Komödie geht es um die Liebe eines jungen Mannes und der Tochter eines Robotik-Professors.
Er verbietet seiner Tochter die Begegnung mit einem Mann, denn er will mit ihr
und einem Roboter ein Geschöpf zur Eroberung des Universums erzeugen .
Zu lesen im Lesetheater
Roboter oder Mensch?
Ich beobachtete einen Roboter, der sich über einen Hund beugte. Der Vierbeiner war eines von diesen Produkten, die auf Zuruf und Streicheln reagieren, putzige
Spielroboter, nichts weiter. Dieser Roboterhund, eine Dackelart, hatte das rechte Hinterbein verloren und statt zu laufen oder zu springen, rutschte er auf dem Hinterteil, erhob sich dann mühsam,
wackelte, schwankte ein paar Schritte, plumpste wieder auf sein Gesäß und versuchte jetzt, durch Rutschen vorwärtszukommen.
Der Roboter hatte das verlorene Bein aufgehoben, beugte sich über den Dackel, und da sah ich, eine Flüssigkeit lief über sein weißes Gesicht. Der Roboter
weinte.
Ich dachte sofort: Nun haben sie den Robotern auch schon ein Tränenprogramm installiert
Aber dann hob er sanft das Tier auf und ging davon, vermutlich in die Reparaturabteilung, wobei er den Kopf über den Hund neigte, als
hauchte er ihn mit seinem Atem an. Den er nicht hatte, versteht sich, er war ja ein Roboter.
Jedenfalls war es ein rührendes Bild wie die Madonnenbilder mit dem Knaben an der Brust aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Vorgang bewog mich, in vergilbten Büchern zu blättern und nach den Menschen der Vergangenheit zu suchen. Dabei geriet ich in einen sonderbaren Sog. Ich
vertiefte mich in die Geschichten von Familien, von Eltern, Kindern, Großeltern, Onkeln und Tanten.
Und mich erfasste eine große Sehnsucht.
Ich habe keine Familie. Ich bin nicht von einer Frau und einem Mann gezeugt, ich bin geschaffen aus einer Zelle mit konstruierten Genen, ein Ergebnis aus Planung
und Retorte.
Ich frage mich:
Was ist eigentlich in den letzten Jahren geschehen? Wurden aus Robotern Menschen?
Und, Moment, was bin ich eigentlich? Ein Mensch? Oder ein Roboter?
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