Kaum hatte ich meinen Reisepass in Händen, sah ich es: Bei Geschlecht stand ein F für „Feminin". Noch am selben Tag war ich beim Bürgeramt. Der Beamte nahm mürrisch meinen Pass, las, sah
mich an, las noch mal, dann sagte er streng:
„Sie haben gegendert!“
„Pardon“, erwiderte ich höflich, „Wie meinen Sie das?“
„Sie haben Ihr Geschlecht gewechselt. Wieso?!“
„Hören Sie, das Wort Gendern bezieht sich nur auf eine neue Schreibweise.“
„Belehren Sie mich nicht über Orthographie!“
„Und zweitens: ich bin schon immer männlich! Seit meiner Geburt!“
„Und das?“ Der Mann drehte den Monitor zu mir und sah mich grimmig an. „Was ist das? Ist da auf Ihrem Online-Antrag ein F angekreuzt oder nicht?“
„Da hab ich mich wohl geirrt, pardon."
„Wie kann man sich bei seinem Geschlecht irren?“
In diesem Moment sagte eine sanfte Frauenstimme: „Um was geht es?“
Es war die Abteilungsleiterin. Ihr sonniges Lächeln erhellte das Zimmer.
Der Beamte brummte: „Er hat ein F im Pass und behauptet, ein Mann zu sein.“
„Geben Sie mir den Pass", sagte sie „Ich kümmer mich um den Kunden.“
„Kunde“ sagte sie. Ich war erleichtert. Wahrscheinlich war alles bloß eine Kostenfrage.
Sie nahm den Pass und mich beim Arm.
Und dann saß ich vor ihrem Schreibtisch. Sie sah sich den Reisepass an, sah mich an, wieder den Reisepass, wieder mich.
Und dann flüsterte sie: „Ich verstehe Sie.“
Ich flüsterte: „Danke!“
Sie lächelte.
„Sie sind ein Mann."
Ich nickte.
Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Und das schon seit 40 Jahren. Wie bewundernswert! Hören Sie, ich sag Ihnen was. Ein Fehler ist nicht immer ein Fehler. Manchmal meldet sich da das
Unterbewusstsein und zeigt, was man wirklich will. Man nennt es eine freudsche Fehlleistung. Und glauben Sie mir, das hier sagt ganz deutlich ‚Ich will eine Frau sein‘. Geben Sie es einfach zu,
es wird Sie erleichtern. Natürlich, wenn Sie darauf bestehen, korrigieren wir Ihren Reisepass. Aber meinen Sie nicht auch, es so stehen zu lassen, ist die bessere Lösung für beide Seiten? Sie
erfüllen sich Ihren geheimen Wunsch und wir hängen bloß ein a an Ihren Vornamen Johann, damit ist die Sache erledigt. Denken Sie darüber nach.“
Sie reichte mir den Reisepass und ich versprach, darüber nachzudenken.
Auf dem Heimweg erinnerte ich mich, wie ich in meiner Jugend davon träumte, auf einer Insel unter vielen Frauen zu sein. Ich gebe zu, den Traum habe ich manchmal heute noch.
Ich holte meinen Reisepass heraus, sah ihn an. Eine Welle von Vorfreude erfasste mich.
Johanna… Johanna.. Das wäre auch endlich die Frau, die mich richtig versteht.