Prämiert mit dem Brandenburgischen Literaturpreis 2010
Um Mitternacht
Die Nacht ist eine Kachelwand,
mit Silberflitter dekoriert.
Ich reiß ihn weg, den ganzen Tand,
denn mir fehlt's an Papier.
Noch eh der Tau sie macht graunass,
soll sie mir nützlich sein
Mit einem kleinen Splitter Glas
kratz Verse ich hinein:
Wer weiß, wie’s um den Menschen steht?
Ist er betrunken, ein Prolet,
der grölend durch das Blumenbeet
der Schöpfung geht?
Und träumt sich seine Neugestalt
dem Götterbilde gleich,
und macht die Welt mit Kriegsewalt
zum Höllenreich.
Er lässt sich seinen Spaß nicht störn,
ein Leben voller Speed.
So kann er sich nicht keuchen hörn,
nicht sehn, was ihm geschieht.
Und während aus den Space-Sensorn
das Weltallpuzzle quillt,
geht auf der Erde was verlorn:
das traute Menschenbild.
Punkt Zwölf. Es stöhnt die Stadt.
Ein Tag fängt an, eine neuer.
Was man im Traum gewonnen hat,
das kommt am Tag uns teuer.
Ich schreibe um die Wette
mit meinem Fensterklon.
Ich schiel manchmal zum Bette,
doch dann, da schreib ich schon.
Und was ich da geschrieben,
das werden wir ja sehn
am Morgen, früh um sieben,
wenn andre ackern gehn.